Der pandemiebedingte Fernunterricht, der über einige Monate hinweg praktiziert wurde, hat nicht nur deutlich gezeigt, wie bedeutsam digitaler Unterricht in Krisenzeiten ist, sondern auch, dass das Unterrichten in digitalen Formaten und unter der Nutzung neuer Informationstechnologie grundsätzlich möglich ist. Eine Rückkehr zum Präsenzunterricht sollte deshalb nicht gleichzeitig auch eine Rückkehr zu fast ausschließlich analogen Unterrichtsformaten bedeuten. Vielmehr gilt es nun aufbauend auf den Erfahrungen der vergangenen Monate auch, die Digitalisierung der Schulen als einen Prozess zu begreifen, der nicht mehr nur den Aufbau digitaler Infrastruktur in den Bildungseinrichtungen sowie digitalen Medienunterricht umfasst, sondern auch anerkennt, dass die Digitalisierung als gesamtgesellschaftlicher Wandelprozess Gegenstand einer kritischen unterrichtlichen Auseinandersetzung in allen Fächern darstellen sollte. Nichtsdestotrotz dürfen die Schwierigkeiten und Probleme, die digitales Unterrichten mit sich bringt und die in den vergangenen Monaten eben auch deutlich wurden, nicht vernachlässigt werden. Wir fordern daher:

  • dass jede*r Schüler*in in Mecklenburg-Vorpommern Zugang zu einem Tablet-PC oder einem Laptop erhält (z.B. in Form von Leihgeräten für den schulischen Gebrauch), damit jedes Kind und jede*r Jugendliche*r unabhängig vom Einkommen der Erziehungsberechtigten an digitalen Unterrichtsformaten teilhaben kann.
  • dass digitaler (Fern-)Unterricht nicht bedeutet, dass analoge Formate (z.B. Arbeitsblätter) einfach per Mail verschickt werden, sondern dass beim Einsatz digitaler Medien die damit verbundene potentielle Vielfalt an Möglichkeiten aktiv genutzt wird. Dies gilt es insbesondere dann zu beachten, wenn die pandemiebedingte Lage es erforderlich macht, dass Schüler*innen(-gruppen) erneut ausschließlich oder in der Hauptsache per Fernunterricht unterrichtet werden müssen.
  • dass im erneuten Falle des digitalen Fernunterrichts nicht ausschließlich schriftlich (z.B. per Mail) mit den Schüler*innen kommuniziert wird, sondern auch andere digitale Kommunikationsmittel (Videobotschaften, Videochats, Audiobotschaften, Sprachchats) regelmäßig genutzt werden. So soll z.B. auch gewährleistet werden, dass die Schüler*innen persönliches, wertschätzendes Feedback für ihre heimischen Unterrichtsleistungen erhalten können, das unserer Ansicht nach bei schriftlicher Kommunikation jedoch allzu oft ausbleibt.
  • dass die Digitalisierung auch als ein gesamtgesellschaftlicher Wandelprozess ernst genommen und als solcher im schulischen Unterricht stärker abgebildet wird, d.h. der gesellschaftliche Wandel, den die Digitalisierung mit sich bringt, sowie die damit verbundenen Chancen, Risiken und Folgen kritisch thematisiert werden (Industrie und Handel 4.0; digitale Kommunikation; digitale Gedenkstätten und Museen; multimediale Texte; digitales Schreiben usw.).
  • dass der unterrichtliche Gebrauch digitaler Medien verstetigt wird. Die Nutzung moderner Technologie im Unterricht sollte die Regel und nicht die Ausnahme darstellen. Nur so kann die Schule auch zu dem Ort werden, an dem Kinder und Jugendliche lernen, die jeweiligen Potentiale digitaler Informationstechnologie zu bewerten und mit dieser Technologie reflektiert umzugehen.
  • dass entsprechend bereits in der Lehrer*innenausbildung, in den berufsbegleitenden Fortbildungen für Lehrkräfte sowie innerhalb der Qualifizierungsmaßnahmen für Seiten- und Quereinsteiger*innen die kritische Einordnung der gesellschaftlichen Wandelprozesse, die die Digitalisierung auslöst, sowie der Gebrauch digitaler Medien und Methoden noch stärker thematisiert werden.
  • dass alle Lehrer*innen, die digitalen Fernunterricht realisieren müssen, Zugang zu einem Tablet-PC oder einem Laptop erhalten und nicht mit ihrem privaten Gerät arbeiten müssen.

Mit diesen Forderungen zielen wir darauf ab, die schulische Bildung im Land Mecklenburg-Vorpommern fit für die Zukunft zu machen. Doch nicht die Digitalisierung allein stellt für uns dabei einen zentralen Aspekt zukunftsorientierter Bildung dar. In den kommenden Jahren gilt es, weiteren gesellschaftlichen sowie globalen Herausforderungen zu begegnen. Auch darauf soll nach unserem Verständnis die Schule vorbereiten. Zu diesen Herausforderungen gehören natürlich v.a. die Gefahren und potentiellen Folgen des menschgemachten Klimawandels. Weiterhin zählen wir dazu das Problem struktureller, intersektionaler Diskriminierung unterschiedlicher Teile unserer Gesellschaft – seien es BIPoC, Frauen, Queers, Menschen mit Behinderung oder Angehörige nicht-christlicher Glaubensgemeinschaften. In Bezug darauf ist es nicht nur notwendig, dass Schüler*innen darauf vorbereitet werden, Praktiken struktureller Diskriminierung zu erkennen und zu beseitigen, sondern auch dass das pädagogische und weitere Personal in Schulen sein eigenes Handeln stetig reflektiert, um diskriminierende Praktiken im beruflichen Handeln zu unterlassen.  Wir fordern daher:

  • dass der Klimawandel, der menschliche Einfluss darauf sowie seine globalen Folgen zu einem verbindlichen fächerübergreifenden Unterrichtsgegenstand erhoben und somit noch stärker thematisiert werden. Gleiches gilt für Klima- und Umweltschutz.
  • dass strukturelle und intersektionale Diskriminierung in der Schule stärker entgegengewirkt wird, indem die gesellschaftliche Vielfalt, die wir in Deutschland und in Mecklenburg-Vorpommern vorfinden, auch in der Schule abgebildet wird. Schulbücher und andere Unterrichtsmaterialien müssen bei der Abbildung und Thematisierung von Personen in allen Unterrichtsfächern in Bezug auf Sexualität, Geschlecht, Gender, Herkunft, Religion und Körperformen vielfältiger werden! Diskriminierende und klischeehafte Darstellungen haben in Schulmaterialien nichts mehr zu suchen, es sei denn, sie dienen der kritischen Dekonstruktion von Diskriminierungsverfahren!
  • dass der gesellschaftlichen Vielfalt entsprechend möglichst viele unterschiedliche Perspektiven im Unterricht aufgezeigt, thematisiert und reflektiert werden.
  • dass strukturelle Diskriminierungsstrategien und -formen im Unterricht betrachtet werden. Schüler*innen sollen schließlich dazu befähigt werden, die Mechanismen struktureller Diskriminierung in Vergangenheit und Gegenwart zu erkennen, um diese für die Zukunft zu durchbrechen.
  • dass entsprechend auch das gesamte Personal an Schulen darin geschult wird, strukturelle Diskriminierung zu erkennen und diskriminierende Praktiken im eigenen Handeln zu vermeiden. Dies beinhaltet auch die Pflicht, strukturelle, intersektionale Diskriminierung innerhalb unserer Gesellschaft bereits in der Lehrer*innenausbildung sowie in der Qualifizierung von Seiten- und Quereinsteiger*innen zu thematisieren.

Um diesen Anforderungen an Schule gerecht zu werden und dem ohnehin bestehende Mangel an Lehrkräften zu begegnen, brauchen wir in den nächsten Jahren gut ausgebildete und motivierte Lehrkräfte in Mecklenburg-Vorpommern. Wir fordern daher:

  • dass der fachdidaktische Anteil in den Lehramtsstudiengängen erhöht wird.
  • dass die fachdidaktische Ausbildung und die fachliche Ausbildung in den Lehramtsstudiengängen besser miteinander verknüpft werden.
  • dass ein gezieltes Übernahmemanagement des Landes dafür sorgt, dass Lehramtsabsolvent*innen der Landesuniversitäten garantiert einen Referendariatsplatz und im Anschluss eine Stelle als Lehrer*in in Mecklenburg-Vorpommern erhalten.
  • dass junge Lehrer*innen in den ersten Berufsjahren mit einem verminderten Stundendeputat in den Beruf einsteigen, um den kritischen Übergang vom Referendariat zum Lehrerberuf sowie die ersten Berufsjahre möglichst ohne Überforderung zu gewährleisten.

Nicht nur der Großteil des zweiten Schulhalbjahres sondern auch das gesamte Sommersemester an den Universitäten und Hochschulen in unserem Land musste aufgrund der Corona-Pandemie digital stattfinden. Viele Studierende in Mecklenburg-Vorpommern haben dabei sowohl sehr positive als auch äußerst kritische Erfahrungen gemacht. Diese Erfahrungen wollen wir nutzen, um weitere (teilweise) digitale Studienabschnitte, aber auch zukünftige Semester, die nicht mehr durch pandemiebedingte Einschränkungen betroffen sind, für Studierende zu verbessern. Wir fordern daher:

  • dass bei Lehre, die größtenteils oder in vollem Umfang digital erteil wird, in Übungen und Seminaren regelmäßig Elemente verankert werden, die den direkten Austausch zwischen den Studierenden untereinander und mit den Lehrenden (z.B. Videokonferenzen, Chatsitzungen) oder kollaboratives Arbeiten (z.B. der Einsatz von Etherpads; Peer-review-Verfahren; die gemeinsame Arbeit an Wikis) miteinander ermöglichen. Denn bei Lehrveranstaltungen, die ohne Möglichkeiten zum gemeinsamen Austausch durchgeführt werden, ergeben sich insbesondere für diejenigen Studierenden, die im gemeinsamen Diskutieren und Besprechen von Themen den größten Lernerfolg verzeichnen, große Nachteile.
  • dass im Rahmen zukünftiger digitaler Semester ein ausgewogenes Verhältnis zwischen synchronen und asynchronen Lehrveranstaltungen besteht. Digitale Formate – insbesondere solche, die auf das Selbststudium der Studierenden abzielen – eröffnen, wenn sie asynchron stattfinden, den Vorteil, das eigene Studienpensum entsprechend der individuellen Bedürfnisse und Bedingungen zu verteilen. Dieser Vorteil asynchroner, digitaler Lehre sollte in zukünftigen Digitalsemestern nicht zugunsten zu häufiger synchroner Formate verspielt werden. Schließlich hat das vergangene Semester auch gezeigt, dass unter den pandemiebedingten Einschränkungen berufstätige Studierende und Studierende mit Kindern oder mit pflegebedürftigen Angehörigen in einem noch größeren Maße zeitliche Flexibilität benötigen.
  • dass zukünftig kollaborative digitale Formate, die von Studierenden durchaus als Bereicherung empfunden wurden, auch in analoge Seminare und Übungen integriert werden. Ähnlich wie der schulische Unterricht kann schließlich auch die universitäre Lehre vom Einsatz digitaler Medien profitieren.
  • dass zukünftig Vorlesungen verstärkt in digitalen Formaten stattfinden, z.B. indem sie als Lehrvideos oder kommentierte Präsentation aufgezeichnet werden. Dies betrifft insbesondere Vorlesungen, innerhalb derer wenig Interaktion zwischen Lehrperson und Studierenden stattfindet. Zudem wäre es so möglich, einzelne Präsenztermine oder synchrone Online-Termine für diese Vorlesungen anzubieten, in denen vertiefenden Diskussionen stattfinden könnten (flipped-classroom-Prinzip).
  • das BAföG zu öffnen und damit besseren Überbrückungshilfen für Studierende, die ihren Job aufgrund der Pandemie verloren haben, denn im Moment wird jeder 2. Antrag abgelehnt. Die aktuellen Überbrückungshilfen kamen zu spät, zu gering und helfen zu wenig Studierenden.